Donnerstag, 19. Juli 2007

Wer im Glashaus sitzt ...

Offenbar steckt auch die Frontal 21 Redaktion im Sommerloch. In der gestrigen Ausgabe graben sie ein Thema aus, dass angeblich erst in letzter Zeit relevant geworden ist. PR-Beiträge in privaten Rundfunksendern. Ein ganz neues Berufsbild sei entstanden: Der PR-Journalist.

Da haben die Gralshüter des heiligen investigativen Journalismus vom ZDF wohl übersehen, dass dies schon seit den Anfängen des privaten Rundfunks üblich ist. Als ich Mitte der 80er bei einer kleinen regionalen Station anfing, haben wir uns beinahe ausschliesslich solcher Beiträge bedient. Ganze Agenturen leben bis heute davon und auch die Macher nehmen sie gern. Ich erinnere den klassischen Gesundheitstipp, gesponsert von der AOK, vorgetragen von einem Mediziner. Versteckte Werbung für Krankenkasse und Arzt. Oder die Berichterstattung über die Formel 1, als fertiger Beitrag geliefert, präsentiert von einem Reifenhersteller. Ohne diese Beiträge wäre es vielen Privaten gar nicht möglich, über (damals) Schumi & Co zu berichten. Da nimmt man den allgegenwärtigen Sponsor gern in Kauf.

Heute bieten kleinere und grössere PR-Agenturen ihren Kunden solche Beiträge als zusätzliches Tool an, denn nach wie vor finden sie (bei professioneller Machart) große Resonanz. Und auch im Musik- und Wissenschaftsbereich sind sie üblich. Hier heissen sie nur anders - Syndication verschleiert den eigentlichen Zweck: Werbung für ein Produkt oder eine Person. Der Konsument merkt es kaum.

Scheinheilig prangern die Landesmedienanstalten diese Praxis an. Wohl bereits in dem Wissen, dass sie sich dabei als Papiertiger outen. In den vergangene 20 Jahren gab es immer wieder Versuche der Kontrollbehörden PR-Beiträge zu verbieten. Am Ende zählt das kommerzielle Argument: Ohne Rundfunkgebühren müssen die Privatsender andere Einnahmequellen haben, um Mitarbeiter, Miete und Apparat zu finanzieren. Wer von ihnen einen Informationsauftrag fordert, verleugnet die Realität. Im Rundfunkstaatsvertrag ist das in Teilen zwar festgeschrieben, verlagert aber das Problem. Öffentlich-Rechtliche Sender haben diesen Auftrag, bei privaten geht es um´s Geld verdienen und für viele auch um´s Überleben. Musik ist nur der Rahmen für Werbung und gesponserte Programmelemente. Wer also einen "sauberen" Journalismus will, sollte diesen bei ARD und ZDF einfordern.

Übrigens sind auch die willige Abnehmer solcher PR-Beiträge. Dazu muss man nur die Programme hören und sehen. Auch Frontal 21 vermarktet seine Themen via Syndication bei privaten Radiostationen. Über eine PR Agentur, deren Chef Hermann Orgeldinger lange Programmdirektor bei Radio 7 war, sich in dem Geschäft also bestens auskennt.

Hier passt der alte Spruch: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen !

Wirklich erschreckend am Frontal 21 Beitrag ist nur die Ahnungslosigkeit des JAM FM Chefredakteurs, der hiermit meine Stimme für den "Depp der Woche" hat.

Die journalistische Sorgfaltspflicht gebietet es, darauf hinzuweisen, dass Frontal 21 nach eigenen Aussagen seine Themen nicht mehr über Orgeldingers Agentur vermarktet.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Produziere seit 10 Jahren solche Beiträge. Über Gesundheit. Übrigens auch für das ZDF. Da ist immer ein Sponosr dahinter. Sollen bei den öffentlich-rechtlichen nicht so tun, als seien sie die einzig Aufrichtigen ...

kazak hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Dr. Dean hat gesagt…

Wenn man mal vom Aspekt der angeblich "einzig Aufrechten" absieht: Ist es nicht schön, sogar sehr schön,
a) dass und
b) wie
die Frontal21-Redaktion das Thema präsentiert und zur Diskussion gestellt hat?

Oder nicht?

Bei einigen Stimmen, welche der Redaktion von Frontal21 - oder gröber gefasst gleich allen ÖR-Sendern - Scheinheiligkeit vorwerfen, habe ich den Eindruck, dass es diesen Stimmen auch darum geht, die Kritik an teils gängiger "journalistischer" Praxis (Geld verdienen bzw. sich die Arbeit erleichtern mit Hilfe von PR-Agenturen) abzuschwächen.

Strategische Kritikabschwächung

Oder nicht? Ich verstehe, dass man mit dem Zustand von ÖR-Berichterstattung unzufrieden sein kann. Aber als Aufhänger dafür genau diesen Beitrag zu nehmen, ähem: ist schwer nachvollziehbar.

Oder ist die Redaktion von Frontal21 bereits massiv auffällig geworden durch Schleichwerbung und/oder PR. Eher nicht. Punkt.

Es sollte einem gebildeten Menschen auch keine größeren Probleme bereiten, die ÖR-Szene nicht als monolithischen Block wahrzunehmen (der dann z.B. gekaufte Pharma-PR versendet), sondern vielleicht auch zwischen einzelnen Redaktionen zu differenzieren.

Ich hielte dies für realitätsnäher.

Journalistischer.

kazak hat gesagt…

Das stimmt alles so. habe selbst bei SWR 1 in einer solchen - eher unabhängigen - Redaktion gearbeitet. Es geht auch viel mehr darum, dass in dem Beitrag so getan wird, als sei das eine ganz neue Form von Journalismus. Dem ist nicht so. Und seit es PR-Beiträge gibt gehören auch die öffentlich-rechtlichen zu den dankbaren Abnehmern ... bis heute !!

Anonym hat gesagt…

Das ganze Spektakel nennt sich Product Placement nicht PR Journalismus. Habe selbst in so einer Agentur Jahre gearbeitet. Wir als Werbeagenturen habe selber Szenen oder ganze Reportagen entwickelt, die dann in den jeweiligen TV Magazinen, Serien etc. zu sehen sind. Diese Werbeform ist jedoch verboten, daher die überlegte und für den Zuschauer undurchsichtige Integration in die Spielhandlung. Die meisten Filmproduktionen finanzieren so Ihre Produktionen.